Bild: de-nue-pic / iStock / https://www.istockphoto.com/de/help/licenses

Vom Regieren mit auffälligen Gemütsstrukturen

 

How bizarre

Am 15. Dezember 1996 bescherte die neuseeländische Hip-Hop- und Pop-Gruppe OMC der Welt den Sommerhit „How bizarre“1

Das Geheimnis des unbeschreiblichen Erfolgs liegt u. a. in der doppelten Struktur des Songs. Hier im Stil des ‚Road-Movie‘ die flapsige Leichtigkeit mit der uns mehr oder weniger erstaunliche Gegebenheiten hingeworfen werden. Dort die philosophierende Ratlosigkeit, wie mit den Wendungen und Unwägbarkeiten des Lebens umzugehen sei. „How bizarre“ ist eine bleibende Frage und eine vorläufige Antwort zugleich.


Bizarre Realität

Wir haben hier im Land weder in der Popszene noch in den Medien oder im Kabarett kaum jemanden, den irgendetwas ernsthaft oder gar existentiell stört. Kein „Making me crazy / Every time I look around“, wenn sie oder er die Welt um sich wahrnimmt , kein „It’s in my face“, wenn ihr oder ihm etwas Bizarres, etwas Irres in die Augen springt.
 
Was dem hier Schreibenden als das Bizarrste seit Jahren in die Augen sprang, war eine so schwachsinnige wie unnötige Aktion des deutschen Staates Ende September/Anfang Oktober. 
Dass zu bestimmten Wahlen in bestimmte Länder neutrale Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter entsandt werden, kommt vor und leuchtet ein. Dass zur Parlamentswahl in ein europäisches Mini-Land mit ca. 1,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern – davon waren 1,5 Millionen wahlberechtigt – keine Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter geschickt werden, leuchtet auch ein. Die hätten auch nicht viel zu tun gehabt. Lediglich 51,8 % der Wahlberechtigten haben an der Wahl teilgenommen2.

Im bayerischen Neuburg an der Donau stiegen wenige Tage vor dem 3. Oktober, dem Wahltag, vier Kampfjets der bundesdeutschen Luftwaffe auf. Vier Eurofighter donnerten gen Norden nach Lettland und landeten auf einem Militärflughafen. Dort harrten die Maschinen und etwa 40 Soldaten rund eine Woche aus.3 
Das war einmalig für Europa, einmalig vermutlich selbst im Weltmaßstab: Kampfjets bei einer Parlamentswahl. Denn ‚angeblich‘ war Deutschland von Lettland gebeten worden, diese Wahl zu ‚sichern‘. D. h. die Wahl zur Saeima, dem kleinen Parlament in Riga mit einhundert Abgeordneten. ‚Angeblich‘ sagen wir, weil man sich ja in einer bestimmten Weise selbst so anbieten kann, dass eine Einladung der Gegenseite unausweichlich wird. Auch ‚angeblich‘ bestand die Gefahr, dass massenhaft Drohnen über Lettland niederregnen könnten, als „Wahlgeschenke“ der besonderen Art.

Die Bewertung

Wie ist diese Aktion zu bewerten?
1. Sie war ein Konstrukt, das den berühmten sog. „Bündnisfall“ der NATO imitieren bzw. zur Schau stellen sollte. Imitieren, denn der Bündnisfall war schlicht nicht da, auch nicht ansatzweise. Dieses Konstrukt, dieses Fantasiegebilde, wurde deklariert als kurzzeitige Verstärkung der dauerhaft bestehenden NATO-Luftbereitschaft im Baltikum. 
Alles war ein durchsichtiges, teures „Muskeln-Spielen-Lassen“, weiter nichts. Ein horrend teures Muskelspiel. Google Gemini (das KI-Angebot von Google) schätzt: „Die rein operativen Zusatzkosten (Einsatzbedingter Mehrverbrauch an Kraftstoff, Verschleiß, Logistik und Verpflegung/Zuschläge) liegen für eine solche kurze Verlegung schätzungsweise bei ca. 2 bis 5 Millionen Euro. Zählt man den kalkulatorischen Gesamtverschleiß pro Flugstunde mit ein, liegt die Gesamtsumme schnell bei 5 bis 8 Millionen Euro“ [H. d. G. G.]4

2. Dass fast alle Medien, die über diesen Einsatz berichteten, sich – ohne die leiseste Infragestellung – mit diesem Konstrukt identifizierten, ist ein Gradmesser dafür, wie weit die Pistoriusierung, d. h. die Ertüchtigung zum Krieg, in unserer Gesellschaft fortgeschritten ist. Als Beispiel mag die Berichterstattung von Welt-TV gelten5, wo eine Reporterin einen lupenreinen, begeisterten Propaganda-Spot für die deutsche Luftwaffe hinlegte .

3. Psychiaterinnen und Psychiater sind vorsichtige Leute. Sie würden einen Menschen wie Herrn Trump samt seiner speichelleckenden Entourage nicht als krank bewerten, Ferndiagnosen sind bei ihnen tabu, zumal massenhafte. Psychiaterinnen und Psychiater würden allenfalls davon sprechen, es handle sich um „Personen mit auffälligen Gemütsstrukturen“. Dieser Vorsicht schließen wir uns an und vermuten, dass wir in diesen Tagen in unserem Land von Politikerinnen und Politikern mit auffälligen Gemütsstrukturen regiert werden. Man könnte sich so weit vorwagen, diese Auffälligkeiten – bezogen auf die Kriegstüchtigkeit – zu umschreiben als: „ Realitätsverlust im Endstadium, verbunden mit zunehmender Autodestruktivität6 und Selbstsabotage“7. Man darf also gut und gern annehmen, dass es unter den Regierenden mehrheitlich kaputte Menschen gibt, die den Bündnisfall, d. h. den Krieg, herbeisehnen, innig nach ihm lechzen. Dass Google Gemini beim Nennen der beiden o. g. Fachbegriffe gleich die Telefonnummern der Telefonseelsorge mit angibt, wäre ein schöner Gag fürs Kabarett. 
Ein genialer Song oder ein hintersinniger Beitrag im Kabarett können mitten im Flapsig-Sein, mitten im Lachen Verzweiflung ausstrahlen, sogar eine tödliche Botschaft transportieren. Aber, wir haben eben hier im Land an prominenter Stelle dieser Unterhaltungsfelder Herrn Silbereisen, Herrn Nuhr und ähnliche. Viel anderes ist nicht in Sicht. How bizarre.

Schwerst Bizarres aus Lettland

Unsere privaten Kontakte in Lettland sagen uns, dass diese „Schutz“-Aktion der deutschen Luftwaffe an ihnen, wie an den meisten Menschen in Lettland unbemerkt vorbeigegangen ist. 
Die Bevölkerung ist viel mehr durch eine andere, zutiefst aufwühlende Nachricht beunruhigt. Denn mit folgenden Worten hat sich der lettische Präsident Rinkēvičs am 1. Oktober völlig anlasslos und ohne jeglichen politischen Auftrag der NATO angebiedert: „Sollte ein solcher Bedarf entstehen und die NATO einen entsprechenden gemeinsamen Beschluss fassen, werden in Lettland Atomwaffen stationiert, sagte Rinkēvičs“8. Bravo, in einem Land mit direkten Grenzen zur Russischen Föderation und zu Belarus.
Noch einer mit mit einer auffälligen Gemütsstruktur? Allerdings einer, der eifrig nach der tödlichsten Version eines sog. Bündnisfalls lechzt, nämlich nach dem Atomkrieg? How bizarre.

 

Anmerkungen

1 Text (engl.): https://genius.com/Omc-how-bizarre-lyrics. 
2 S. https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/parlamentswahlen-in-lettland-2026-1. Einer unserer Kontakte in Lettland sagt uns zur Wahlbeteiligung: „Ehrlich gesagt verfolge ich und auch viele Leute Wahlen schon lange nicht mehr. In ganz Europa laufen Wahlen immer auf dasselbe Ergebnis hinaus. Sollte jemand gewählt werden, der nicht im Sinne von Ursula und ihren Freunden ist, dann werden die Wahlen einfach angefochten oder für ungültig erklärt.“
3 S. https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/newsbeitrag/luftwaffe-beendet-einsatz-zum-schutz-der-wahl-in-lettland.  
4 Die „Gesamtrechnung“ liegt als PDF vor.
5 S. https://www.welt.de/politik/ausland/video6abf776fd4d0c24ec26d1369/nato-einsatz-in-lettland-der-eurofighter-soll-dafuer-sorgen-dass-diese-wahlen-sicher-ablaufen.html. 
6 Google Gemini: „Das allgemeine Fremdwort für selbstzerstörerisches Verhalten oder eine entsprechend ausgerichtete innere Haltung.“
7 Google Gemini: „Ein psychologischer Begriff für Verhaltensweisen oder Einstellungen, mit denen man unbewusst (oder bewusst) den eigenen Erfolg, das eigene Wohlbefinden oder die eigene Gesundheit behindert.“
8 S. Original: https://english.nv.ua/nation/latvia-could-host-nuclear-weapons-under-nato-decision-rinkevics-50646221.html. Wir empfehlen bei Interesse an der Übersetzung dieses  ganzen Textes das kostenfreie Hilfsmittel DeepL.com.