Beobachtungen zur Pressefreiheit in Deutschland
„Über die Maschinerie der Desinformation hinaus[zu]blicken“ rät der iranische Präsident Pezeshkian der US-amerikanischen Bevölkerung in seinem Brief Anfang April 2026.1 Der amerikanischen, nicht der deutschen, wohlgemerkt. In der BRD gibt es ja wohl keine solche Maschinerie. Die Pressefreiheit – der entsprechend sich die Informationspflicht der Medien entwickelte – steht geheiligt im Grundgesetz. Also, alles klar. Oder doch nicht?
Deutscher Journalismus at its best
Die Badische Zeitung in Freiburg brachte im März 2026 eine aufrüttelnde Nachricht2: „Hundebesuch im Bett“. Die Hündin Uschi von Tom Kaulitz (36) und Ehefrau Heidi Klum (52) versuche hartnäckig, nachts in das Ehebett der beiden zu gelangen. Frau Klum über das Ungemach: Uschi suche „den Körperkontakt von Tom und mir. Sie will einfach alles“. Im Dunklen des Schlafgemachs verborgen bleibt freilich, was dieses „Einfach-Alles“ bedeutet. Eine sieben Jahre alte Neuigkeit rundet dieses Presse-Highlight ab: „Das Model und der Tokio-Hotel-Gitarrist hatten 2019 auf einer Jacht vor der italienischen Insel Capri geheiratet“. Ein eindeutiges Wow! Deutscher Journalismus at its best, könnte man sagen. Oder sich die Frage stellen: Gibt es doch eine Desinformationsmaschinerie in unserer Republik? Und ist diese weitgehend deckungsgleich mit einer Verblödungsmaschinerie?
Ein ungeliebter Brief
Wenn der Präsident der USA an einen Präsidenten oder an einen Regierungschef schreibt, ist Öffentlichkeit in der Regel gesichert. Wenn der iranische Präsident an die amerikanische Bevölkerung einen Brief3 schreibt, passiert hierzulande rein gar nichts. „Pressefreiheit“ bedeutet in der BRD offensichtlich auch und besonders, dass sich die Presse die Freiheit nimmt Dinge zu verschweigen.
Immerhin gab es eine dpa-Meldung4 [Deutsche Presse-Agentur GmbH] zum Brief des iranischen Präsidenten. Nur haben viele Dutzend Redaktionen in Deutschland nichts aus dieser Vorgabe der dpa gemacht, sie einfach weggeklickt. Die ganz wenigen Ausnahmen5 hielten die dpa-Meldung mit spitzen Fingern kurz hoch und betonten beflissentlich, sie werden redaktionell nichts dazu sagen.
Und noch etwas fällt auf. Diese Wenigen übernehmen aus der dpa-Meldung ein unvorteilhaftes Archiv-Bild des iranischen Präsidenten, das in absolut keiner Beziehung zu seinem Brief steht. Pressefreiheit, eben. Und man kann nichts machen? Niemand kommentiert, interveniert, protestiert?
Doch. Erstaunlich und irgendwie absurd, dass allein eine namenlose, seelenlose KI-Maschine irgendwo in Kalifornien den manipulativen Charakter der dpa-Meldung aufdeckt. Die Maschine ‚sagt‘ u. a.:6
„In der dpa-Meldung lag der Fokus auf:
• Konflikt,
• Konfrontation,
• geopolitischer Spannung.
Die friedensorientierte Selbstdarstellung Irans trat in den Hintergrund.
Der Originalbrief hingegen wirkte eher wie:
• ein politisch-philosophischer Appell,
• eine moralische Rechtfertigung iranischer Positionen,
• und ein Versuch direkter öffentlicher Diplomatie.“
Halten wir fest: Statt sachgerecht zu informieren, manipuliert die dpa-Meldung. Nur ist dies vermutlich nicht der Grund dafür, dass nahezu alle Medien in Deutschland diese Agenturmeldung ignorieren. Doch schauen wir uns zuerst nach Alternativen um, wie man mit dem Brief des iranischen Präsidenten auch umgehen kann.
Anderswo ein ‚neutraler‘ Journalismus?
Dass es anders geht, lässt sich in unserem kleinen Nachbarland Österreich beobachten. Die in Wien erscheinende Kronen-Zeitung7 setzt Akzente ähnlich denen der internationalen Agentur Reuters8. Diese leitet ihre Meldung so ein:
"Der iranische Präsident Masoud Pezeshkian erklärte in einem an das amerikanische Volk gerichteten Brief, sein Land hege keinerlei Feindseligkeit gegenüber gewöhnlichen Amerikanern, berichtete Press TV am Mittwoch. Er erklärte in seinem Brief, dass die Darstellung des Iran als Bedrohung „weder mit der historischen Realität noch mit den heute beobachtbaren Fakten vereinbar“ sei.“
Wie hatte noch die Maschine in Kalifornien die dpa-Meldung beurteilt? „Die friedensorientierte Selbstdarstellung Irans trat in den Hintergrund.“ Aber genau diesen Bezug zum Friedenswillen im Pezeshkian-Brief stellen Reuters und die Kronenzeitung heraus. Zudem verzichten beide auf das hämisch ausgesuchte Foto Pezeshkians bei der dpa, sondern veröffentlichen ein Foto, das ihn optisch nicht diskriminiert. Wir haben einen anderen Journalismus vor uns, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Kronenzeitung in ihren Artikel ein Foto vom Krieg gegen Iran einbindet mit der Bildunterschrift: „Der von Israel und den USA begonnene Krieg befindet sich bereits in der fünften Woche“.
Dass Israel und die USA vollkommen allein schuld sind an allen Folgen dieses Krieges, an allen Verknappungen, Verteuerungen, Lieferengpässen – um nur die mildesten Folgen zu nennen, verglichen mit dem Leid der Menschen im Iran – wird bei uns NATO-konform und der o. g. Staatsräson9 verpflichtet ausgeblendet. Wichtig erscheinen das Wohl der Autofahrer, der Benzinpreis, das magische Vorrücken der Uhren auf 12 Uhr mittags.
Wenn man weiß, dass die Kronenzeitung aus Wien das Image eines Boulevardblattes10 hat und oft mit der deutschen BILD-Zeitung verglichen wird, kann man den Menschen in Österreich zu dieser ‚Boulevardpresse‘ nur gratulieren.
Hat dieser eklatant andere Journalismus im Nachbarland damit zu tun, dass Österreich ein neutrales Land ist, keinem Militärbündnis angehört und schon gar nicht der moralisch korrupten NATO11? Hat er damit zu tun, dass ein neutrales Land nicht zwanghaft die Lust pflegt, Feinde zu haben und selbst Feind zu sein?
Die Lust am Feind-Haben und Feind-Sein
Die Pistoriusierung der Bundesrepublik Deutschland, d. h. die sog. Ertüchtigung des Landes und seiner Menschen zum Krieg, ist auch und besonders darauf angewiesen, dass Menschen lustvolle Erregung dabei empfinden, Feinde zu haben und Feinde zu sein. Diese perverse Lust entwickeln Menschen, die einen Prozess der Entmenschlichung hinter sich haben, der einhergeht mit einem Prozess der Verblödung.
Die kaum beschreibbare Tragödie dieses Prozesses liegt darin, dass diese stolzen verblödeten ‚Möchtegern-Feinde‘ in Deutschland nicht begreifen, dass in ihrem Namen ein Krieg herbeigeredet wird wie eine sich selbst erfüllende Vorhersage. Viele Politikerinnen und Politiker schwärmen schon vom Jahr 2029 spätestens 2030, wenn Russland endlich losschlagen wird. Gegen Deutschland. Bei düsterem Licht drei Kisten Mineralwasser im Keller, ein Karton Ravioli in der Dose im Regal, zwei stets vollgeladene Powerbanks fürs Smartphone, ein putziges Kurbelradio. Was für ein tragischer Schwachsinn.
Wie verblödet muss man sein, um diese um sich greifende Logik zu akzeptieren: „Wenn Israel zusammen mit den USA völkerrechtswidrig ein Land wie Iran mit Krieg überzieht, blindwütig Kinder ermordet, dann sind diese Überfallenen, dann sind diese Opfer automatisch die Feinde Deutschlands“. Es scheint so, dass in der deutschen Politik wie in den ihr ergebenen Medien die sog. Staatsräson erweitert wurde. Unter der Hand – wir Bürgerinnen und Bürger wurden nicht gefragt – erweitert um eben diese dumpf-mörderische Logik, Israels Opfer seien die Feinde Deutschlands: die vertriebenen Palästinenser, die Opfer in Gaza, die Opfer im Libanon, die Opfer im Iran. Wer sich für diese Opfer einsetzt, landet, wenn er nicht aufpasst, in diesen Tagen vor Gericht. In Deutschland.
Die Gegenmittel
Präsident Pezeshkian muss man nicht lieben. Man muss auch nicht vergessen, dass er als Präsident eine Theokratie, also einen Staat vertritt, dessen Führung sich umfänglich auf eine irrationale Instanz, einen Gott, beruft. Und dass dieser Staat im Namen dieser irrationalen Instanz Menschen foltert und hinrichtet.
Aber es wäre klug – von der Politik wie von den Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land – Präsident Pezeshkian zuzuhören und ihm zuzugestehen, dass er zu einem friedlichen und respektvollen Miteinander der Menschen beitragen will.
Wer nicht zuhört, kann den Kreislauf von Gewalt, Feindsein und Krieg nicht unterbrechen. Zuhören, Respektieren, Verstehen und Verhandeln. Das sind die Gegenmittel, das ist die Gegenlogik.
Wer allerdings den Brief von Präsident Pezeshkian totschweigt, vergeht sich an den Menschen in Deutschland, verhöhnt die Pressefreiheit und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Wer der Bevormundung durch manipulative Medien entgehen will, hat Möglichkeiten. Es gibt noch freie Zeitungen im Land, es gibt kritische NGOs bei uns, es gibt kritische NGOs und unabhängige Medien im Ausland. Die Agentur Reuters mit Stammsitz in London bietet kostenfreie Newsletter für Privatpersonen an.
Die Voraussetzung von all dem ist freilich, dass Bürgerinnen und Bürger den Mut haben, selbst hinzuschauen, sich selbst ein Bild von der Welt und dem Leben zu machen. Es geht nicht um ein einfältiges „Lügenpresse, Lügenpresse“-Gebrüll. Es geht darum, die ständigen, oft kaum merklichen Manipulationen zu erkennen, das Weglassen aufzudecken und die Nadelstiche zu spüren. Nadelstiche wie das von uns genannte diskriminierende Foto von Präsident Pezeshkian, um nur ein Element von vielen zu nennen.
Und es geht darum, einen Journalismus wie den, der die oben genannte Dreier-Bettgeschichte hervorbrachte, laut als das zu benennen, was er ist: purer Schwachsinn, reine Verblödung, eine Schande für dieses Land.
19.04.2026
k.sch.
Anmerkungen
1 Wortlaut des Briefes in deutscher Übersetzung als PDF in unserer Bibliothek.
2 https://www.badische-zeitung.de/hundebesuch-im-bett?code=524134411e9e82c7ce92b5f67b101db3dfcf58bc&state=ahsdiufi, abgerufen am 19.04.2026. [Bezahlschranke, Audio-Fassung ist zugänglich]
3 S. Anm. 1.
4 Erschließt sich aus der Süddeutschen Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/politik/iran-krieg-irans-praesident-schickt-botschaft-an-amerikaner-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260401-930-897143, dort erster Beitrag, abgerufen am 19.04.2026.
5 KI-generierter Überblick als PDF .
6 KI-generierte Gegenüberstellung des Briefes und der dpa-Meldung als PDF.
7 https://www.krone.at/4096048, abgerufen am 19.04.2026.
8 https://www.reuters.com/world/middle-east/iranian-president-says-letter-that-iran-harbors-no-enmity-towards-ordinary-2026-04-01/, abgerufen am 19.04.2026.
9 S. Webartikel auf dieser Website.
10 https://de.wikipedia.org/wiki/Kronen_Zeitung, abgerufen am 19.04.2026.
11 Die NATO hat sich noch nie deutlich und mit möglichen Konsequenzen von den völkerrechtswidrigen Kriegen, Überfällen und Entführungen ihres Mitglieds USA distanziert.